6 Monate nach dem Beben
Am 24. Juni landet mein Flugzeug in Haiti. Es ist meine siebte Reise in ein Land, das so arm, so schön und doch gleichzeitig so kompliziert ist. Es ist heiß und feucht, sehr feucht. Haiti befindet sich mitten in der Regenzeit. Meine haitianische Freundin Natacha, die Direktorin der Schule, die von „Viv Timoun“ unterstützt wird, kommt mich vom Flughafen abholen. Wir fahren durch die Strassen, es regnet. Ich blicke nach draußen und sehe die vielen Zeltlager. Die Anzahl hat sich nicht verringert. Es scheint als hätte sich nichts getan. Hunderte zerbrochene Gebäude liegen noch immer in Trümmern an den Straßenrändern. Hier und da sieht man, dass private Gebäude reicher Personen wieder aufgebaut werden. Aber alles andere bleibt liegen, fast nichts geht voran.
Die Menschen sind wütend und sauer auf die Politiker. Am 12. Juli, genau ein halbes Jahr nach dem Erdbeben hat der Präsident René Préval andere Prioritäten als zum Volk zu sprechen. Er überreicht Medaillen an den „besten Helfer“, den „besten Journalisten“, den „besten Arzt“ und den „besten Polizisten“. Er sagt nicht viel. Denn es scheint als wüsste selbst er nicht wie es weitergehen soll.
Eine halbe Stunde nördlich von Port-au-Prince gibt es ein neues Camp für die Menschen, die in den schlimmen Gefahrenzonen lebten. Etwa 7000 neue Unterkünfte wurden dort errichtet. Bei so vielen Hilfsgeldern, die Haiti versprochen wurden, sollte man davon ausgehen, dass diese Unterkünfte sicher sind. Doch es sind einfache Zelte und schon der erste größere Sturm am 12. Juli zerstörte etwa 1700 der Behausungen.
Auf der internationalen Gerberkonferenz im März hat man entschieden: Haiti bekommt zehn Milliarden US Dollar– eine recht bescheidene Summe angesichts dieser verheerenden Zerstörung. Vier Monate sind seit dem Versprechen vergangen und wie viel hat Haiti bisher bekommen? 10%. Wann und ob die restlichen 90% ankommen bleibt abzuwarten.
Die Menschen werden ungeduldig, sind wütend, hungern und leben in den schlimmsten Konditionen bei extremer Hitze. Die Gewalt und die Anzahl der Entführungen steigen.
Ich gehe durch die Strassen, mache Fotos und rede mit den Menschen. Manche drehen sich weg, möchten nicht fotografiert werden, da sie denken, ich würde mich an ihnen bereichern. Andere kommen auf mich zu, wollen sich mitteilen.
Eines Morgens spricht mich ein Mann namens Carlo an, er wolle mir unbedingt etwas zeigen. Er führt mich durch das Camp und bringt mich zu einer Frau. Sie heißt Natalie, ist 29 Jahre alt, hat 2 kleine Kinder und nicht mal ein Zelt in dem sie unterkommen kann. Wenn es regnet, stellt sie sich mit ihren Kindern bei ihrem Nachbarn unter, dort schlafen können sie jedoch nicht. Sie spricht von der schrecklichen Situation in der sie lebt, beschreibt wie ihre Mutter, die ihr ein und alles war, beim Erdbeben gestorben ist und dann erzählt sie mir davon wie sie vergewaltigt wurde. „ Mein Baby war vier Monate alt, ich hielt es auf dem Arm. Sechs Männer kamen, haben mich genommen, mein Baby fiel zu Boden. Sie haben mir ein Messer in den Rücken gestochen und dann haben sie mich hinter einen Marktstand gezerrt und nacheinander vergewaltigt. Mein vierjähriger Sohn musste alles mit ansehen und ist weggelaufen. Ganze zwei Tage konnten wir ihn nicht finden.“ Tränen laufen ihr über die Wangen. Ich selbst muss schlucken, muss mich zurückhalten um nicht mitzuweinen. Ich verspreche ihr am nächsten Tag ein Zelt zu besorgen damit sie wenigstens einen wasserdichten Platz zum Schlafen hat. Auch rate ich ihr an, das Zelt in einem anderen weniger gefährlicheren Camp aufzustellen. Sie verspricht es mir.
Carlo führt mich weiter durchs Camp. Ich begegne einem 12jährigen, dann einem 15 jährigen, danach einem 14 jährigen Mädchen – sie alle sind vergewaltigt worden und erzählen mir davon. Es ist schwer, ich weiß nicht wie ich reagieren soll, was ich machen soll. Am liebsten würde ich sie alle drücken und sagen, dass sie sich keine Sorgen machen sollen, dass man die Täter finden und wegsperren wird. Doch ich weiß, dem ist nicht so. So gerne würde ich ihnen allen helfen. Jeden Tag begegnen mir Menschen, denen ich helfen möchte – aber ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass ich einfach nicht allen helfen kann.
Ich bin froh, dass wir den gemeinnützigen Verein „Viv Timoun“ (Creole: lebe kleiner Mensch) gegründet haben und ich bin dankbar für die vielen Spenden, die nach dem Erdbeben eingegangen sind. So können wir doch einigen Kindern und Familien helfen und sie davor bewahren ein solches Schicksal erfahren zu müssen wie die Mädchen, die vergewaltigt wurden. Das ist ein gutes Gefühl. Der Bau der Schule namens M.E.V.A (maison des enfants du village de l’avenir) geht voran. In sechs bis neun Monaten soll die neue Schule mit integriertem Waisenhaus stehen. Sie wird größer als vor dem Erdbeben und nicht nur eine Grund- sondern auch eine Sekundarstufe haben. Momentan wird der Unterricht für die Schüler im alten Waisenhaus abgehalten – während die Waisenkinder in Santo Domingo sind, dort zur Schule gehen und jetzt schon fast perfekt Spanisch sprechen. Für die 150 Schulkinder in Haiti wird gut gesorgt, sie bekommen täglich eine warme Mahlzeit und haben das Glück nicht wie die meisten anderen haitianischen Schüler unter Zelten in brütender Hitze lernen zu müssen.
Es ist auch schön zu sehen, dass es den Menschen, denen „Viv Timoun“ im Monat März ein Startkapital gegeben hat um einen kleinen Marktstand zu eröffnen, immer noch gut geht und sie von ihrem kleinen Business leben können. Die Menschen sind glücklich und dankbar. Diese Dankbarkeit zu fühlen und den warmen Händedruck gehören zu den schönsten Dingen, die es gibt.
Wenn ich morgens aufwache, werde ich immer von einem siebenjährigen Jungen begrüßt. Sein Name ist Olivier und er ist ein kleines Wunderkind. Im Moment des Erdbebens spielt er gerade auf dem Balkon. Vor Schreck läuft er ins Haus, als dieses in sich zusammenfällt. Seine Mutter kommt gerade von der Universität und läuft sofort nach hause. Sie ruft verzweifelt nach ihm, doch er antwortete nicht. Ihre Freunde bereiten sie darauf vor, dass er sehr wahrscheinlich nicht mehr lebt. Doch sie gibt nicht auf. Am nächsten Morgen läuft sie zurück um ihn zu suchen. Sie sagt sich selber: „Selbst wenn er nicht mehr leben sollte, will ich ihn noch ein letztes Mal sehen.“ Immer wieder schreit sie seinen Namen, bis sie eine schwache Stimme flüstern hört: „Mami, Mami, ich bin hier. Rette mich!“. Mit der Hilfe von Freunden befreit sie ihn aus den Trümmern und meine Freundin Natacha fährt beide nach Santo Domingo, wo er zwei Monaten im Krankenhaus verbringt. Jetzt ist er wohlauf und einer der fröhlichsten und energischsten kleinen Jungen, die ich kenne. An seinen Handgelenken, Kopf und Beinen befinden sich ein paar schlimme Narben, aber nichts musste amputiert werden. Er hat Glück gehabt.
Hunderttausende haben nicht das gleiche Glück gehabt wie Olivier. Die Hitze und der Regen erschwert das Leben sehr. Im Ortsteil Carrefour von Port-au-Prince leben eine große Anzahl Menschen in Wellblechhütten und Zelten auf einem Bürgersteig mitten auf der Straße. Es ist eine stark befahrene Strasse, eine Hauptstrasse. Die Menschen leben zwischen Abgasen, Lärm und Dreck. Hupende Autos und LKWs rasen vorbei – Tag und Nacht. Es ist gefährlich aus dem „Haus“ zu gehen, jedes Mal könnte man von einem der rücksichtslosen Autofahrer überfahren werden. Mir läuft ein Mann über den Weg namens Jean Michel Bouchon. Er lebt mit seiner Familie auf diesem Bürgersteig, weil er nicht weiß wo sie sonst hinsollen. Seine Familie und Kinder, darunter zwei Babys – Zwillinge – sind dem Beben glücklicherweise unbeschadet entkommen. Doch eines Nachts fällt eines der Babys aus dem Bett und rollt auf die Straße. Bevor die Eltern es retten können, wird es von einem Auto überfahren.
Niemand hilft ihnen, es gibt nur noch wenige Nahrungsmittelverteilungen und es gibt keine Jobs. Viele Menschen haben ihre Zelte auf privaten Grundstücken aufgeschlagen. Die Besitzer möchten ihre Grundstücke zurückhaben und bezahlen Gangs, damit sie die Zelte zerstören und die Menschen – notfalls mit Waffen - vertreiben. Doch wohin sollen diese Vertriebenen gehen? Es gibt keinen Platz für sie.
Im Februar sprachen manche Menschen und Reporter davon, dass das Erdbeben eine Chance für Haiti sein könnte. Danach sieht es definitiv nicht aus.
Niemand hat einen Plan. Viele Hilfsorganisationen sind da und einige versuchen die schlimmsten Schmerzen zu lindern, doch solange es keine Infrastruktur und keine Jobs gibt, wird das Land nicht weiterkommen.
Ich frage mich und weiß absolut nicht wie Haitis Zukunft aussehen wird. Ich weiß nur, dass ich mein Bestes geben möchte um dem Land und seinen wunderschönen Menschen zu helfen.


















